ETIKETTE. Haben Sie wieder einmal das falsche Outfit gewählt. Oder sind Ihnen die Worte beim Smalltalk ausgegangen? Der Image- und Kommunikationstrainerin Eva Ruppert könnte das nicht passieren. Schließlich gibt sie Smalltalk-Seminare, weiß, wann Frauen Nylons tragen sollten und könnte auch Männern sagen, wann sie auf die Krawatte verzichten dürfen. Ein Streifzug durch die Regelkunde der Selbstpräsentation.
Eva Ruppert ist zweisprachige Trainerin im gesamteuropäischen Raum mit Sitz im fränkischen Coburg. Ihr Motto lautet: Sein, was wir sind, und werden, was wir werden können, das ist das Ziel des Lebens (Spinoza).
Frau Ruppert, Orange wird angeblich die Modefarbe der kommenden Saison. Ist diese Prognose für Sie als Stilberaterin interessant?
Eva Ruppert: Modetrends sind zwar nicht die Basis für einen gelungenen Auftritt, sind als Akzente jedoch nicht ganz ohne Bedeutung. Wenn wir davon ausgehen, dass jedes Detail an unserem Äußeren einen Hinweis auf unseren Lebensstil, unsere gelebten Werte und unseren persönlichen Geschmack gibt, dann sind auch modische Details textile Signale. So kann die klassische Ausarbeitung der business-basics-Kompetenz Vertrauen und Qualitätsdenken ausstrahlen. Modische Details sorgen für Ausgewogenheit und zeigen die notwendige Offenheit, zum Beispiel im Geldgeschäft oder für aktuelle Entwicklungen am Aktienmarkt.
Bei Galas, Geschäftsessen oder auf Empfängen sehen die Menschen immer gleich aus. Ist der Eindruck richtig?
Ruppert: Dieser erste Eindruck kann wohl bei einer Gala oder einem Empfang entstehen, der ein eindeutiges Thema zum Anlass hat, beispielsweise
Jubiläum oder runder Geburtstag. Es kommt bei dieser Art von Veranstaltung nicht in erster Linie darauf an, die Individualität des Einzelnen in den Vordergrund zu stellen. Es ist nicht die Party des Gastes, sondern die des Gastgebers. Und der hat sich in der Regel sehr viel Gedanken gemacht, Zeit und Geld investiert, um diesen Anlass würdig begehen zu können. Dies wird ein höflicher Gast niemals ignorieren.
Also besser an die Monotonie gewöhnen?
Ruppert: Die Wirkung eines Anzuges wird oft maßlos unterschätzt. Selbst die ungünstigste Körperstatur erscheint in einem Anzug attraktiver.
Meine Vermutung ist, dass lediglich das ungewohnte Tragen von Anzügen Missmut auslöst. Vielleicht gehen deshalb viele Menschen beim Einkleiden auf Nummer sicher. Sie sehen dann natürlich aus wie graue Mäuse und fühlen sich auch so.
Wer macht die Kleiderordnung?
Ruppert: Wir alle. Es sind einerseits die Traditionen und andererseits der Zeitgeist der jeweiligen Gesellschaft, der die Kleiderordnung vorgibt. Die Kleiderstandards haben sich in den letzten zwei Geschäftsgenerationen ja schon enorm geändert. Denken Sie nur an den obligatorischen, strengen Zweiteiler in Dunkelblau und den heutigen Einreiher in dezenten Naturtönen. Ich finde, da hat sich schon Einiges getan. Und das wird auch zukünftig so weitergehen.
Welche Standards sollten Frauen und Männer bei der Wahl ihrer Kleidung auf jeden Fall einhalten?
Ruppert: Einerseits die anlassbezogenen Standards. Dazu zählen Position, Branche und Zielgruppe. Andererseits sollte immer auch der persönliche Standard in die Gestaltung des eigenen Auftritts einbezogen werden, also Stil, Geschmack und Körperstatur. Dazu gehört natürlich die Garderobenhygiene.
Spielt auch die Unterscheidung zwischen Winter und Sommer eine Rolle?
Ruppert: Die Jahreszeit ist in sofern entscheidend, als es Winter- und Sommerstoffe gibt, auf die der Käufer achten sollte. Dann fällt auch das Tragen eines Jacketts nicht so schwer, weil der Träger in einem bewusst gewählten Jackett nicht unnötig schwitzt. Außerdem trifft man mit der Wahl der Kleidung auch eine Farbaussage. Das menschliche Auge nimmt vergleichend wahr. Ein hellbrauner Anzug wird im Sommer bestimmt nicht unseriös wirken, weil die Welt zu dieser Jahreszeit ohnehin farbenfroher erscheint. Tragen Sie ihn aber im Winter, könnte er einen seriösen Auftritt durchaus schwächen.
Ist die Krawatte im Geschäftsleben noch Pflicht?
Ruppert: Das lässt sich pauschal nicht so sagen. Kunden haben in der Regel eine bestimmte Erwartung, ein konkretes Bild von einer Branche.
Wenn in diesem Bild traditionelle Werte wie Seriosität, Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz vorherrschen, sollte sich das in der Kleidung widerspiegeln, um Kunden zu signalisieren: Sie sind bei mir richtig. Als Vertreter einer Firma muss man sich folgendes überlegen: Welches Image will mein Unternehmen nach außen vermitteln; und wie schaffe ich es, diese Unternehmenskultur in allen Kommunikationsmöglichkeiten
mit zu tragen.
Strumpfhose oder nacktes Bein – was schickt sich für Frauen?
Ruppert: Das ist von verschiedenen Faktoren abhängig: Branche, Funktion der Trägerin, Jahreszeit, Außentemperatur, Ästhetik. Generell
sollten Frauen in traditionellen Branchen (Banken, Versicherungen, Pharmaindustrie, Automobilindustrie) und repräsentativer Position (Führungskräfte, Wertschöpfungsberater, Außendienstmitarbeiter) Nylons tragen. Denn sie sind Imageträger ihres Unternehmens. Vergleichende Studien aus der Wahrnehmungspsychologie beweisen, dass der persönliche Eindruck umso intimer ausfällt, je mehr nackte Haut sichtbar ist. Werden zum unbestrumpften Bein noch ärmellose Oberteile und luftige, transparente Stoffe kombiniert, was bei höheren Temperaturen ja oft vorkommt, kann die Trägerin nicht mehr hoffen, in erster Linie als kompetent und professionell wahrgenommen zu werden.
Es heißt, man solle authentisch bleiben. Inwieweit dürfen bei der Kleiderwahl Konventionen durchbrochen werden?
Ruppert: Man muss Konventionen ja nicht gleich durchbrechen. In den meisten Fällen gibt es einen ausreichenden Gestaltungsspielraum, der den Betroffenen nur nicht offensichtlich ist. Ein Beispiel dafür ist das Desaster mit dem »casual friday«. Der wurde nämlich in deutschen Unternehmen eingeführt, ohne den Begriff vorher zu definieren. Geben Sie 100 Leuten den Begriff »casual friday« und lassen sie ihre Kleidung danach zusammenstellen – es werden 100 unterschiedliche Outfits herauskommen; zehn davon werden überhaupt nichts mehr mit legerer Geschäftskleidung zu tun haben. Selbstverständlich ist Authentizität die Geheimwaffe im überzeugenden Geschäftsauftritt, sie darf jedoch nicht zu Lasten des guten Geschmacks gehen.
Hat von vornherein verloren, wer sich nicht den Regeln entsprechend kleidet?
Ruppert: Nein, mit Sicherheit nicht. Es gibt immer die Ausnahmen, die nichts desto trotz, die Regeln bestätigen. Wenn jemand durch Leistung, Ideen oder Produkte überzeugt, sieht man ihm in der Gestaltung seines Äußeren vieles nach. Wie es bei Künstlern oder Prominenten oft der Fall ist. Der Normalfall ist jedoch, dass sich die Produkte und Leistungen in Bezug auf Qualität und Eigenschaften mehr und mehr angleichen und auch der Arbeitsmarkt genügend gleichwertige Konkurrenz bereithält. Der Schlüssel zum Erfolg liegt dann in der Fähigkeit, seine Qualitäten nach Außen sicht- oder lesbar zu machen. Dabei helfen die jeweiligen Garderobenstandards der Branche.
Wie bringt man Mitarbeitern taktvoll bei, dass sie an ihrem Outfit arbeiten sollten?
Ruppert: Der Volksmund sagt schon: »Über Geschmack lässt sich nicht streiten, entweder man hat ihn oder man hat ihn nicht.« Handelt es sich aber um eine grobe Vernachlässigung der firmeninternen Standards, dann sollte Kritik unbedingt sachlich und höflich ausgesprochen werden und natürlich unter vier Augen. Wenn der Kritiker gute Argumente vorbringt, wird es auch akzeptiert werden. Häufig sind die angesprochenen Personen für konstruktive Kritik sogar dankbar.
Sie umschreiben Ihre Beratungsarbeit mit »Presenting Yourself – souverän auftreten im modernen Geschäftsleben«. Was setzt souveränes Auftreten außer Kleidung sonst noch voraus?
Ruppert: Die prächtigste Fassade bricht früher oder später zusammen, wenn ihr der Mensch dahinter nicht gerecht wird. Aussehen, Auftreten und Verhalten sollten Hand in Hand gehen.
In meinen Seminaren spreche ich deshalb folgende Themen an:
- Business-Knigge – Bedingungen erfolgreicher Kommunikation
- Corporate/Personal Image – Ihre Botschaft nach außen
- Lebensart – Höflichkeit als Auslesekriterium
- Stil und Dress-Codes – intensivieren Sie Ihren persönlichen Auftritt
- Körpersprache – als Instrument nonverbaler Kommunikation
- Tischetikette – Rechte und Pflichten von Gast und Gastgeber
Wirken Empfänge oft deshalb steif, weil sich Menschen in Ihrer Haut nicht wohl fühlen und nicht wissen, was sie miteinander sprechen sollen?
Ruppert: Sicher, in ungewohnten Situationen verhält sich der Mensch eher zurückhaltend.
Warum fällt der Smalltalk vielen Menschen so schwer?
Ruppert: Weil die meisten Menschen darauf nicht ausreichend vorbereitet sind und nicht wissen, welcher Anspruch hinter dieser »kleinen Plauderei« wirklich steht. Viele haben Angst davor, etwas »Dummes« oder »Unpassendes« zu sagen und sprechen deshalb lieber gar nicht. Dabei gibt es nichts Beklemmenderes, als sich anzuschweigen.
Wie wird man ein guter »Smalltalker«?
Ruppert: Durch Übung und mit ehrlichem Interesse am Gegenüber. Es bringt nicht viel, Floskeln und Standardgesprächseinstiege auswendig zu lernen. Natürlich biete ich meinen Teilnehmern im Kommunikationsseminar auch Beispiele, aber nur, um die erste Scheu überwinden zu helfen. Viel wichtiger sind Offenheit, aktives Zuhören und das Stellen passender Fragen.
Beim Smalltalk ist auch eine gewählte Ausdrucksweise wichtig. Oder heißt die Devise »Hauptsache man sagt überhaupt etwas«?
Ruppert: Smalltalk ist zunächst absichtsfrei, ungezwungen und relativ offen für unterschiedlichste Menschen und Themen. Man plaudert ganz einfach ein bisschen miteinander. Smalltalk soll eine ungezwungene Atmosphäre schaffen und Gesprächssituationen entschärfen. Es wäre völlig falsch, verzweifelt nach ausgefeilten Formulierungen zu suchen und darüber den Gesprächspartner zu vergessen. Smalltalk sollte als »verbales Abtasten« des neuen Gesprächspartners gesehen werden.
Umgangssprachliche Redewendungen wie »Das geht gar nicht«, »Ich denke mal ...«, »nicht wirklich« sind in Mode gekommen. Sind sie auch im Business erlaubt oder geht das gar nicht?
Ruppert: Psychologen unterscheiden zwischen einer machtvollen und einer machtlosen Sprache. Machtvolle Sprache wird mit hohem sozialen Rang assoziiert, während machtlose Sprache gleichgesetzt wird mit niedrigem sozialen Status und schlechter Bildung. Die machtlose Sprache ist voll von überflüssigen Elementen wie Füllwörtern (ich denke mal, sozusagen, an und für sich), Modewörtern (nicht wirklich, echt, mega) und Konjunktiven (würde, könnte, sollte). Mein Tipp lautet: Sprache entrümpeln, klare Aussagen treffen und Bandwurmsätze vermeiden!
Wie bringen Sie Ihren Kunden Smalltalk bei?
Ruppert: Üben, üben, üben und zwar anhand von Simulationen aus dem individuellen Geschäftsalltag.
Sie sind seit 94 Trainerin? Hat die Bedeutung des Themas »Selbstpräsentation« seitdem im Geschäftsleben zugenommen?
Ruppert: Ganz klar: Ja. Auch die Einstellung zum Thema ist eine andere geworden. Während zu Beginn meiner Trainertätigkeit das Thema »Selbstpräsentation« oft als eine interessante Ergänzung des Schulungsprogramms gesehen wurde, wird »Optimale Selbstpräsentation« heute als selbstständiges, vollwertiges Trainingsprogramm anerkannt und gebucht.
Interview: Frank Henkhus,
Haufe Verlag |